Aus Morcar`s Sichtweise 
(von JJ.Sch)
Mentor und Morcar – Morcars Vermächtnis
isiger Wind peitscht über die schwarzen Türme der nördlichen Chaos-Wüste. Tief unter ihnen liegt ein gewaltiger Saal, dessen steinerne Säulen im Dunkel verschwinden. Grüne Flammen lodern in eisernen Schalen, doch sie spenden weder Wärme noch Trost.
Auf einem Thron aus schwarzem Gestein sitzt Morcar. Langsam erhebt er sich und betrachtet die Gestalten, die vor ihm im Halbdunkel knien.
„Ihr habt vieles über mich gehört. Mentor nennt mich einen Verräter, einen Narren und einen Diener des Chaos. Er erzählt seine Geschichte mit wohlgewählten Worten und erwartet, dass niemand sie infrage stellt.
Doch nun sollt ihr erfahren, was wirklich geschah …
Vor Hunderten von Jahren war ich Mentors Schüler. Schon damals galt er als einer der mächtigsten Zauberer des Reiches. In seiner Bibliothek bewahrte er das Wissen vergangener Zeitalter: Zauberformeln vergessener Völker, Berichte über untergegangene Reiche und die Geheimnisse jener Mächte, die bereits existierten, bevor der erste Mensch seinen Blick zu den Sternen erhob.
Ich arbeitete härter als alle anderen Schüler. Während sie schliefen, studierte ich. Während sie zweifelten, stellte ich Fragen. Und während sie sich mit kleinen Kunststücken und unbedeutenden Zaubern zufriedengaben, suchte ich nach den großen Wahrheiten der Magie.
Mentor erkannte meine Begabung. Doch statt sie zu fördern, fürchtete er sie.
Immer wieder sagte er, ich sei noch nicht bereit. Immer wieder verlangte er Geduld und Gehorsam. Er lehrte mich, eine Kerze zu entzünden, während hinter verschlossenen Türen Geheimnisse verborgen lagen, mit denen man Berge zerbrechen und selbst den Tod bezwingen konnte.
Mentor behauptete, er wolle mich schützen. In Wahrheit wollte er allein darüber bestimmen, wer Wissen besitzen durfte und wer unwissend bleiben sollte.
Also suchte ich selbst nach Antworten.
Nacht für Nacht betrat ich seine Bibliothek und las die Bücher, die er vor mir verborgen hielt. Dort erfuhr ich von uralten Reichen, deren Herrscher die Grenzen der Sterblichkeit überwunden hatten. Ich las von Kräften jenseits unserer Welt und von der unermesslichen Macht, die in der Chaos-Wüste schlummerte.
Was Mentor Gefahr nannte, erkannte ich als Möglichkeit.
Was er verbot, machte mich frei.
Als ich schließlich aufbrach, folgte er mir. Nicht aus Sorge um mich, wie er euch glauben machen will. Er fürchtete, ich könnte Wahrheiten enthüllen, die seine Lehren und seine Stellung erschüttern würden. Er stellte sich mir entgegen und befahl mir, zurückzukehren. Ich sollte mich unterwerfen, meine Erkenntnisse vergessen und wieder der gehorsame Schüler werden, den er nach seinem Willen formen konnte.
Ich weigerte mich.
Daraufhin griff er mich an.
Viele Tage und Nächte kämpften wir. Unsere Zauber ließen die Erde erbeben und verdunkelten den Himmel. Flüsse verdampften, Felsen zerbarsten und Wälder gingen in Flammen auf. Mentor schleuderte jede Macht gegen mich, die er so lange vor mir verborgen hatte.
Doch ich widerstand ihm.
Als er erkannte, dass er mich nicht länger beherrschen konnte, nannte er mich verdorben. Als er mich nicht besiegen konnte, erklärte er mich zum Diener des Chaos. Und als ich ihm entkam, kehrte er in das Reich zurück und schrieb die Geschichte so um, dass er als weiser Hüter und ich als törichter Verräter erschien.
Seit jenem Tag lebe ich im Norden.
Hier fand ich keine leblose Wüste, sondern die Überreste eines Reiches, das älter ist als Mentors kostbares Imperium. Unter Eis und schwarzem Sand entdeckte ich Tempel, Festungen und Tore zu Welten, deren Namen längst vergessen wurden. Ich erweckte Wissen, das Mentor vernichtet hätte, und rief Wesen an meine Seite, vor denen die Menschen sich fürchten, weil sie sie nicht verstehen.
Orks, Goblins und Fimire nennt das Reich nur Ungeheuer. Es jagt sie, vertreibt sie aus ihren Ländern und verbrennt ihre Siedlungen. Ich hingegen gab ihnen Waffen. Ich gab ihnen eine Heimat. Ich gab ihnen die Kraft, sich gegen jene zu erheben, die sie seit Jahrhunderten verachten.
Dafür nennen sie mich ihren Herrscher.
Mentor behauptet, ich wolle das Reich aus bloßer Gier unterwerfen. Aber seht euch dieses Reich an: Seine Könige sitzen in goldenen Hallen, während das Volk hungert. Seine Ritter sprechen von Ehre und plündern im Namen ihres Kaisers. Seine Zauberer predigen Weisheit, doch verbergen das Wissen vor allen, die nicht ihrem Orden angehören.
Dieses Reich verdient keinen Retter.
Es verdient einen neuen Herrn.
Schon einmal sandte ich meine Armeen gegen seine Grenzen. Damals stellte sich mir Rogar entgegen – ein tapferer Krieger, ohne Zweifel, doch ebenso ein Werkzeug Mentors wie jene Helden, die nun ausgebildet werden. Mentor führte ihn wie eine Figur über ein Spielbrett und ließ andere für seinen Sieg sterben.
Nun sammle ich meine Heere erneut.
In den Bergen erwachen uralte Kreaturen. Unter den Ruinen regen sich die Toten. Die Stämme der Orks und Goblins folgen meinen Bannern, und in den vergessenen Tiefen schmieden meine Diener Waffen für den kommenden Krieg.
Mentor beobachtet mich mit Loretome, seinem Buch der Bücher. Er glaubt, jede meiner Bewegungen zu kennen. Doch selbst Loretome zeigt ihm nur das, was ich ihn sehen lasse.
Schon bald wird er seine neuen Kämpfer aussenden. Einen Barbaren, einen Zwerg, einen Alb und einen Zauberer. Er wird ihnen erzählen, sie kämpften für Freiheit, Frieden und das Wohl des Reiches.
Doch auch sie werden nur seine Spielfiguren sein.
Vielleicht werden sie meine Verliese betreten. Vielleicht werden sie meine Krieger besiegen und einige meiner Pläne vereiteln. Mit jedem Sieg werden sie glauben, mir näher zu kommen. Dabei werden sie lediglich tiefer in meine Welt eindringen. Lasst Mentor also seine Helden schicken. Lasst sie ihre Prüfungen bestehen und sich an ihrem wachsenden Ruhm erfreuen. Lasst sie glauben, sie könnten den Lauf der Geschichte verändern.
Eines Tages werden sie vor mir stehen.
Dann werde ich ihnen dieselbe Wahl geben, die Mentor mir niemals gewährte: Sie können weiterhin einem alten Mann dienen, der ihnen nur jene Wahrheiten offenbart, die seinen Zielen nützen …
… oder sie können die Augen öffnen und erkennen, wem dieses Reich wirklich gehören sollte.
Mentor nennt mich einen Narren, weil ich nach der vollkommenen Zauberkunst griff.
Aber ich habe gesehen, was hinter dem Schleier liegt.
Ich fürchte das Chaos nicht. Ich beherrsche es.“ |